Review zum Album D.O.G. von laut.de

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laut.de-Kritik

Es geht um Skills und Vibes und Fleiß.

Review von Ich träum‘ davon, es würde wirklich nach Fakten entschieden, müsst‘ nicht ständig die Platte verschieben, um was zu verdienen.“ Verschoben hat Straight P sein Debüt wirklich lange genug. Die erste Single „Shootfight“ stammt bereits aus dem Jahr 2010. Angekündigt hatte Kölns rappender Fels seinen Erstling damals schon eine gefühlte Ewigkeit lang.

Gut Ding braucht manchmal eben tatsächlich Weile – obwohl wohl eher Sachzwänge und widrige Umstände als akribische Soundtüftelei daran die Schuld tragen, dass „D.O.G. – Deep Ohne Grund“ gar so ausgiebig auf sich warten ließ.

Bei einer derart ausgedehnten Produktionsphase ergibt es sich beinahe zwangsläufig, dass Tracks aus verschiedenen Jahren – und damit stark unterschiedlicher Reifegrade – nebeneinander zu stehen kommen. So versucht „Ich Hustle Lieber„, eine kleinkriminelle Lebensweise als eine Art Rebellion gegen „das System“ zu verkaufen: eine Sichtweise, der Straight P aber eigentlich längst entwachsen zu sein scheint.

Im Vorfeld zeigte er sich nämlich durchaus als ein reflektierter Beobachter, dem sein „Eigener Kurs“ – will meinen: inhaltliche wie musikalische Eigenständigkeit – über alles geht. Straight P kennt die Macht der Worte. „Hört ihr diese Stimme? Ich mach‘ sie zum Säbel„, zur einzig legitimen Waffe, um seine Differenzen auszufechten. Er lässt „Blut“ in Strömen fließen, bleibt dabei jedoch deutlich auf einer metaphorischen Ebene.

Seinen Unmut tut er dabei unverblümt kund. Allerdings verzichtet er darauf, seine Gegner beim Namen zu nennen. In seinen Rundumschlägen gegen passives, missgünstiges, destruktives Duckmäusertum dürften sich die Adressaten, allesamt „Aus Einer Anderen Welt„, aber getrost angesprochen fühlen, auch ohne explizit aufgerufen worden zu sein.

Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, Tatkraft und Zielstrebigkeit heißen die Tugenden, für die Straight P wieder und wieder einsteht. „Es geht um Skills und Vibes und Fleiß.“ Träumen ist dabei erlaubt, einer Utopie nachzurennen: allemal besser als sich aufzugeben. „Ich hab‘ es längst begriffen: Die Sterne sind zum Greifen da.“ Für alle, die sich – aus welchen Gründen auch immer – verbiegen, hat er dagegen nur ein müdes Lächeln übrig.

Dazu droppt Straight P die eine oder andere persönliche Anekdote – wie die „Krankenhaus-Story“ – oder gibt zweifellos erlebte Details aus seiner Familiengeschichte preis, wie in „Mama Said„. Mit „9 Jahre“ beweist er zudem, dass bei der Abrechnung mit der Verflossenen durchaus etwas auf der Habenseite übrig bleiben kann. Statt im Beleidigte-Leberwurst-Stil ohne Rücksicht auf Verluste Dreckwäsche an die Öffentlichkeit zu ziehen, demonstriert Straight P Achtung: eine willkommene Abwechslung.

Dabei wirkt er so viel männlicher als die Heerscharen anderer kleiner Jungs, die bockig ihren Spielkameraden in den Matsch schubsen, sobald er sich nicht mehr mit ihnen und ihren Launen abgeben mag.

Ideen und Haltung stimmen, bei der Ausarbeitung bleibt jedoch Luft nach oben. Eine „Story“, die diese Bezeichnung wirklich verdient, steckt nicht in der „Krankenhaus-Story“. Die eine oder andere Hookline dürfte – wie in „Es Stinkt“ oder der ansonsten beeindruckend plastisch geschilderten Kampfsport-Hymne „Shootfight“ – gerne ein bisschen weniger platt ausfallen.

Gesungene Refrains, wie sie Camany gleich zweimal beisteuert, bleiben einfach Geschmacksache. Immerhin agiert der Mann nicht halb so überkandidelt wie viele seiner Sangesbrüder. „Das hier ist der lockere Standard„, behauptet Straight P indes gut gelaunt. Probleme, technisch auch auf gehobenem Niveau mitzuspielen, hat er keine.

Eine ganze Reihe unterschiedlicher Produzenten baut ihm die Bühnen. An manchen Stellen passt einfach alles. Etwa, wenn aus dem Hintergrund von „9 Jahre“ ein Sample aus „Stay“ von Shakespears Sister schreit oder Mo Peacock in „Der Moment“ mit einem Hauch von Mittelalter den Beweis führt, dass ein Klavier keineswegs immer nur melancholisch-bedröppelt daher kommen muss.

In anderen Momenten („Eigener Kurs„, „Blut„) geraten mir die Beats allerdings viel zu sachte: „Dieses Album zielt nach innen wie ein Tritt in die Eier.“ Na, dann muss es auch ordentlich Wumms auffahren, bitteschön!

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